Foto mit freundlicher Genehmigung des Verlages Edition Rieger, Karwe (www.edition-rieger.de)

 

 

Anna-Helene v. Bodenhausen

geb. 1902 – verst. 1976

Von 1962 bis 1967 Pfarrerin in Langen

 

Anna-Helene v. Bodenhausen entstammte einer Familie des ursprünglich niedersächsischen Uradels mit gleichnamigem Stammhause unweit von Göttingen, die mit Ardimarus de Bodenhusen, 1101 urkundlich zuerst erscheint, während die Stammreihe mit Teginhardus de Bodenhusen, 1135-50, beginnt. Die Familie erlangte später Besitz in Hessen, Anhalt, Sachsen und Preußen.

Sie wurde am 28.9.1902 in (Lutherstadt-) Wittenberg als drittes Kind des Kgl. Preuß. Landrates Hans Bodo Freiherr v. Bodenhausen (geb. Dessau 29.6.1860, verst. Schierke 30.7.1911) und dessen Ehefrau Eleonore Anna Helene, geb. v. Seidlitz und Ludwigsdorf (geb. Markt Bohrau 19.6.1877, verst. Radis 27.1.1957) geboren. Letztere war die Tochter des Kgl. Preuß. Majors a.D. Friedrich v. Seidlitz und Ludwigsdorf auf Habenhorst und dessen Ehefrau Agnes, geb. Gräfin von Sandreczky und Sandraschütz. [1] Hans Bodo v. Bodenhausen besuchte zunächst das Gymnasium in Dessau und dann die Klosterschule Rossleben, studierte an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin und an der Friedrichs-Universität Halle Rechts- und Kameralwissenschaften. 1881 wurde er Mitglied des Corps Borussia Bonn und trat nach dem Studium in den preußischen Staatsdienst ein. In der Zeit von 1889 bis 1911 bekleidete er das Amt des Landrats des Landkreises Wittenberg. Er war Fideikommissherr auf Radis; sein Schwager war der Rittergutsbesitzer und Kammerherr Fedor v. Wuthenau.

 

Alexander Duncker [2]

Rittergut Radis – um 1860

Abbildung gemeinfrei

 

Der private und berufliche Lebensweg von Anna-Helene v. Bodenhausen, die nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten mit eine prägende Gestalt der Bekennenden Kirche [3] im Kreise um Martin Niemöller, [4] Dietrich Bonhoeffer [5] und Helmut Gollwitzer [6] wurde, spiegelt in bemerkenswerter Weise die wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Umbrüche des vergangenen Jahrhunderts wider. Frühzeitig bemüht, den Lebensunterhalt selbstständig zu bestreiten, wurden die Jahre ihrer beruflichen Tätigkeit immer wieder von der Sorge um die Gesundheit und um das Wohlergehen ihrer Mutter geprägt und auf Grund der dann zu leistenden Pflege unterbrochen.

Nach Abschluss der schulischen Ausbildung an einem Lyzeum in Berlin nahm sie im Sommer 1921 an dem staatlichen Jugendpflegelehrgang in Merseburg teil; im Anschluss daran besuchte sie 1922 einen kaufmännischen Privatkursus in Wittenberg. Um sich in der Inflationszeit ein Auskommen zu sichern, ließ sie sich vom 1. Januar bis 15. Mai 1923 in der „Chemieschule Dr. Georg Schneider“ in Dessau ausbilden, um anschließend bis zum 1. Juli 1924 als Laborantin in der „Milka-Nährmittelfabrik“ in Pratau/Elbe zu arbeiten. Diese Stellung musste sie wegen der Erkrankung ihrer Mutter, die schwer herzleidend war, aufgeben. Im Herbst 1927 ging sie dann als ‚Lehrling für Gartenbau und Geflügelzucht’ auf die – dem Reifensteiner Verband [7] angehörende – Landfrauenschule Wölteringerode [8] bei Vienenburg im Harz, weil – wie sie selbst in ihrem Lebenslauf [9] anmerkte – „ihre Mutter sie nicht gerne so jung Gemeindehelferin werden lassen wollte“. 1928 war sie noch in der Landwirtschaft auf dem Gut Falkenhagen in Rothenbach tätig und bestand im Anschluss daran das Examen vor der Landwirtschaftskammer der Provinz Sachsen.

Im April 1929 begann sie mit der Ausbildung zur Gemeindehelferin sowie zur Jugend- und Wohlfahrtspflegerin. Der Aufnahme in die „Soziale Frauenschule der Inneren Mission“ ging ein praktisches Jahr voraus. In dieser Zeit arbeitete sie im Kreis-Wohlfahrt- und Jugendamt in Lutherstadt Wittenberg, in dem Kinder-Erholungsheim Heuberg in Baden und bei der Kirchengemeinde in Wittenberg.

Vom 1. April 1930 bis 15. März 1932 besuchte sie die von Bertha Gräfin v. der Schulenburg geleitete „Soziale Frauenschule der Inneren Mission – Staatlich anerkannte Wohlfahrtsschule“ in Berlin und bestand im März 1932 das Staatliche Examen als Wohlfahrtspflegerin mit dem Schwerpunkt ‚Jugendwohlfahrtspflege’. Während des Praktikums innerhalb der Frauenschulausbildung war sie ein Vierteljahr im „Heilerziehungsheim Jungborn im Johannesstift Berlin- Spandau“ und ein Vierteljahr auf dem Bezirksjugendamt in Berlin- Schöneberg tätig.

Die über zwei Jahre währende katechetische Gemeindehelferinnenausbildung, welche neben der wohlfahrtspflegerischen Ausbildung in der Frauenschule vollzogen wurde, konnte sie am 12. Mai 1932 mit dem Examen vor dem Evangelischen Konsistorium der Mark Brandenburg mit großem Erfolg abschließen. Schwerpunkte der Ausbildung lagen hier in den Bereichen Altes und Neues Testament, Kirchengeschichte, Praxis des Gemeindedienstes, Glaubenslehre, Methodik und Kirchenlied. Diese Ausbildung berechtigte Anna-Helene v. Bodenhausen hauptamtlich in der Gemeinde- und Jugendarbeit tätig zu werden.

Vom 19. Juli 1932 bis zum 31.Dezember 1933 war sie im Lutherstift in Störmthal – einer Einrichtung des Wohlfahrtsdienstes der Inneren Mission in der Ephorie Grimma – als Hausmutter angestellt. Zielgruppe waren hier zunächst hauswirtschaftliche Schulungskurse für 25 erwerbslose junge Mädchen und ab 12. September 1932 freiwilligen Arbeitsdienst für 46 Mädchen. Zu ihren Aufgaben gehörte es vornehmlich, die Jugendlichen seelsorgerisch zu begleiten, sie in ihren persönlichen Fragen und Nöten helfend zu beraten, den Weltanschauungsunterricht zu erteilen und die Morgenandachten zu halten.

Von Januar bis Juni 1934 war sie dann als Wohlfahrtspflegerin auf dem Jugendamt der Stadt Leipzig tätig, hier lag der Schwerpunkt ihrer Arbeit in der Mündelpflege und der Bearbeitung von schwierigeren Fällen (Einleitung von Schutz- und Sorgerechtsangelegenheiten, Geschäfte der Amtsvormundschaft sowie der Gefährdeten-Fürsorge). Von Oktober 1934 bis zum April 1937 bekleidete sie mit außerordentlichem Erfolg die Stelle der Gemeindehelferin in der Kirchengemeinde der Stadt-Pfarrkirche Lutherstadt Wittenberg.

Ihr dortiges Wirken wurde rückblickend – unter dem Datum des 28.10.1938 – durch den seinerzeitigen Stadtpfarrer Schmidt gewürdigt:

„... Sie ist ein Mensch, der ohne Rücksicht auf die eigene Person sich restlos für die einmal ergriffene Aufgabe einsetzt und in jeder Beziehung absolut zuverlässig ist. Fest im Glauben stehend ist ihr die Arbeit in der Kirche Lebensbedürfnis so sehr geworden, dass sie selbständig zu disponieren und anzupacken weiß. Wir haben in ihr in den angegebenen Jahren einen sehr lieben Hausgenossen gehabt und ihr Scheiden aus der Arbeit wegen Erkrankung der Mutter sehr bedauert; dasselbe gilt auch für die lebendigen Kreise der Gemeinde. Fräulein von Bodenhausen spricht frei, hält sehr gute Katechesen und ist für alle kirchlichen Arbeitszweige außerordentlich geeignet. Sie stand hier in lebendiger Mitarbeit in unseren Frauenhilfen, sie half im Männerwerk; sehr fein verstand sie, die Mädchen und Frauen eines hier nur in Wittenberg fürs ganze Reich eingerichteten Ledigenheimes in christlichem Sinne zu beeinflussen und zu führen – eine Aufgabe, zu der sehr viel Takt, Lebenserfahrung und Klugheit gehörten. Ich kann sie mit gutem Gewissen für jegliche kirchliche Arbeit aufs wärmste empfehlen und bin der Überzeugung, dass sie in jedem Kreis, in dem wirklich von der Bibel her ernst gearbeitet wird, mit Segen arbeiten wird. Sie hat seit Jahren in der B.K. [10] als treues opferndes Glied gestanden und wird unter keinen Umständen jemals ihren Herrn Christus um äußerer Vorteile willen verraten können. Ich würde mich herzlich freuen, wenn sie wieder in ihre ihr lieb gewonnene Arbeit hineinkäme, nachdem die Gesundheit der Mutter wieder hergestellt werden konnte, und bedaure nur, dass wir in Wittenberg sie nicht wieder rufen können, da die Stelle besetzt ist. Der Gemeinde aber, die sie ruft, darf ich schon heute zu dieser außerordentlichen Kraft gratulieren.“

Vom 1. April 1939 bis zu dem Weggang von Pfarrer Ernst Lipps [11] aus der Gemeinde am 1. April 1941 war sie als Gemeindehelferin im Evang. Pfarramt an der Pfarr- und Glaubenskirche in Berlin-Lichtenberg tätig; eine Aufgabe, die sie auch im Anschluss daran, nämlich vom 1. Mai 1941 bis 31. März 1943 bei dem Amtsnachfolger Pfr. Dühring fortführte. Während dieser Zeit betätigte sie sich – dies belegen ihre Arbeitszeugnisse – „...mit unermüdlichem Arbeitseifer, der keine Rücksicht auf die eigene Person kannte, in allen Zweigen der Gemeindearbeit der Bekennenden Kirche. Vermöge ihrer Energie und Zähigkeit verstand sie es, in schwerer Zeit alle ihre Kräfte in selbstloser Weise für die Pflege und Vertiefung evangelischen Glaubenslebens zur Verfügung zu stellen, schwierige Aufgaben bestens zu lösen, die Bibelstunden- und kreise, den Kindergottesdienst und den Konfirmandenunterricht sowie die kirchliche Frauenarbeit eigenständig und prägend zu leiten.“ [12]

Vom 1. April bis 30. Juni 1943 besuchte sie den Katechetischen Ergänzungslehrgang im sog. Burckhardthaus in Berlin-Dahlem und nahm dann ab 1. September 1943 bis zum 1. April 1945 ihre Tätigkeit als Gemeindehelferin in der Evangelischen Kirchengemeinde Berlin-Dahlem (den sogenannten Dahlemiten) bei Pfr. Prof. Walter Dreß [13], dem Schwager des von den Nationalsozialisten hingerichteten Theologen Dietrich Bonhoeffer [14] auf.

Nach dem unglückseligen Ende des 3. Reiches war Anna-Helene v. Bodenhausen bis zum Jahre 1950 gezwungen, sich mit allen Begleiterscheinungen der eingetretenen Enteignung des familieneigenen Gutes abzugeben und sich um das Wohlergehen ihrer Mutter sowie ihrer Anverwandten zu kümmern, so dass an eine berufliche Tätigkeit nicht zu denken war.

Vom 1. September 1950 bis 1. Dezember 1950 besuchte sie dann in Naumburg den Vierteljahresabschluss-Kursus für hauptamtliche Katecheten und bestand am 29. November 1950 die katechetische Abschlussprüfung. Eine Anstellung als hauptamtliche Katechetin blieb ihr in Radis versagt, so dass sie dann erst vom 1.10.1953 bis 31.8.1956 von Radis aus in Fredersdorf bei Bitterfeld, einem seinerzeit vorwiegend von Industriearbeitern bewohnten Dorfe, als Katechetin wirken konnte. „Ihrer ausgeprägten Verantwortung Gott gegenüber entsprachen ihre eingehenden Vorbereitungen auf die Christenlehrestunden, ihre Sorge um die schwierigen Kinder und ihre unerschrocken durchgeführten Hausbesuche bei den in Glaubensdingen abseits stehenden Eltern.“ [15] Diese Stellung gab sie vor dem Hintergrund, dass sie von der Verheißungsgemeinde in Berlin-Friedrichshain – einem Teil der ehemaligen Lichtenberger Gemeinde, die noch 1944 selbstständige Gemeinde wurde – angestellt werden sollte, auf. Hierzu sollte es indessen nicht kommen, Anna-Helene von Bodenhausen erhielt im seinerzeitigen Ost-Berlin keine Zuzugsgenehmigung.

Als Katechetin und Gemeindehelferin nahm sie in Folge in den Jahren 1956 bis 1960 den Dienst in der von Pfr. Dexheimer geleiteten Kirchengemeinde St. Petri in Wartenburg an der Elbe und für vier Monate im Zeitraum vom 1. September bis 31. Dezember 1961 den Dienst als Katechetin der Kirchengemeinde Bergwitz auf.

Anfang des Jahres 1957 verstarb ihre Mutter. Aufgrund der Tatsache, dass ihre Schwester als einzig noch lebende Verwandte in der DDR in Nauen wohnte, [16] bemühte sie sich in den Amtsbereich des Evang. Konsistoriums Berlin-Brandenburg zu wechseln, was dann (unter anfänglichen Schwierigkeiten) mit der Übertragung pfarramtlicher Aufgaben aufgrund des Beschlusses des Kreiskirchenrates der Parochie Nennhausen (Kirchkreis Rathenow) für den Zeitraum vom 15. Januar bis 31.Oktober 1961 und dann in Langen durch Beschluss des Konsistoriums zunächst vom 1. Dezember 1961 bis 31.10.1962 als Gemeindehelferin und – nach Besuch des Pastoralkollegs in Templin im Jahre 1962 –  vom 1. November 1962 bis zum Jahre 1967 als Pfarramtsverwalterin [17] gelang.

 

Anna-Helene v. Bodenhausen

anläßlich der Kirchlichen Trauung des

Ehepaares Jürgen und Ursula Euen geb. Hartmann

am 14. Mai 1966 in Langen.

 

Nach dem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst verbrachte sie noch zwei Jahre im Pfarrhaus in Langen. Sie nahm während der Vakanzzeit noch den pfarramtlichen Dienst in den beiden Filialgemeinden Walchow und Stöffin wahr und lebte dann ab 1969 als Stiftsdame im Stift Zehdenick. Anna-Helene v. Bodenhausen verstarb am 14. Oktober 1976 in Berlin und wurde in der Familiengruft in Radis bei Gräfenhainichen beigesetzt.

 

Konfirmation in Langen 1968

 

 

Der von dem bedeutenden Theologen Helmut Gollwitzer im Jahre 1976 verfasste Nachruf, der im Chr. Kaiser Verlag München 1977 verlegt wurde, erinnert in sehr einfühlsamer Weise an ein besonderes Mitglied der Bekennenden Kirche, die in schwerer Zeit ihren Dienst in und für Langen versah.

 

„Sie entstammte einem alten preußischen Adelsgeschlecht, fand durch ihren christlichen Glauben und wegen ihrer Ablehnung des Nazi-Regimes zur Bekennenden Kirche und wurde vor dem Kriege Gemeindehelferin im Osten Berlins. Ihre Haltung wurde nach 1945 auch von den Vertretern der neuen Gesellschaftsordnung dadurch anerkannt, dass sie nach Enteignung des väterlichen Schlosses und Besitzes mit ihrer Mutter in ihrem Heimatdorfe Radis bei Gräfenhainichen (Provinz Sachsen) wohnen durfte. Sie tat dann Dienst als Pfarrverweserin der Brandenburgischen Kirche und lebte nach ihrer Pensionierung in Zehdenick. In gelassener Zuversicht und frei von jedem Ressentiment blieb sie immer in schlichter Treue dort, wohin sie sich gestellt sah. Auch eine Übersiedlung nach West-Berlin, in die Nähe guter Freunde, erwog sie erst im letzten Jahre ihres Lebens, bevor sie am 14. Oktober 1976 einer kurzen Krankheit erlag. In der Familiengruft in Radis haben wir sie unter Teilnahme des Dorfes am 27. Oktober 1976 begraben.

 

Liebe Angehörige und Freunde von Anna-Helene von Bodenhausen!

 

In der Weihnachtszeit 1937 oder 1938 kam Anna-Helene einmal in Dahlem zu mir in die Sakristei. Sie war von dem Gottesdienst besonders berührt worden und wollte sich mit mir darüber aussprechen. Damit begann unsere Freundschaft, eine nun fast 40jährige Freundschaft. Weil der Text jener Predigt ihr besonders lieb war, wollen wir ihn auch heute uns führen lassen. Es ist ein Wort des Apostel Paulus an die Philipper. „Freut euch in dem Herrn alle Wege! Und noch einmal sage ich: Freut euch! Eure Lindigkeit lasst merken alle Menschen. Der Herr ist nahe!“ (Phil. 4,4 – 5).

Diese 40 Jahre waren für sie wie für viele Menschen Jahre von aufeinanderfolgenden schweren Ereignissen, und wie sie diese Jahre mit allen Zumutungen, die sie erhalten haben, angenommen und durchgestanden hat, das war es, was viele von uns mit ihr so besonders verbunden hat. Damals war sie Gemeindehelferin in der Gemeinde Berlin-Lichtenberg. Aus einer Familie mit alter, großer Tradition kommend, stand sie dort in einer bescheidenen Berufsarbeit. Dabei hat sie die damaligen Probleme wach wahrgenommen und sich – entgegen anderen Tendenzen in ihrer Familie – sofort entschieden auf die Seite der Bekennenden Kirche gestellt. Nach dem Krieg, in der gänzlichen Veränderung der Verhältnisse verlor sie das heimatliche Zuhause. Lange Zeit hatte sie die von ihr sehr geliebte Mutter zu pflegen. In schweren persönlichen Verlusten ebenso wie in den gemeinsamen Nöten, die sie mit allen Menschen um sie herum und mit den Gemeinden, in denen sie tätig war, zu tragen hatte, war ihr jenes Paulus-Wort neben anderen Worten des Evangeliums immer eine praktische Leitung. Sie ließ das Wort zu sich sprechen und versuchte – ohne Krampf, aber sich schlicht und vertrauensvoll darauf verlassend – es zu befolgen, also allem Schweren, allem was traurig macht, die Freude entgegenzusetzen, erwähnte es manchmal und konnte auch ab und zu fragen, wie dieses „Der Herr ist nahe“ denn eigentlich zu verstehen sei.

Man kann es räumlich und man kann es zeitlich verstehen. Im räumlichen Sinne sagt es: Wir sind nicht allein in dieser wirren und gefährlichen Welt, wir haben nahe bei uns ihn, der mit uns spricht, und auf den wir uns verlassen können. Er umgibt uns von allen Seiten. Verlassen sind wir nicht verlassen. Wir hören ihn ganz nahe, wenn wir seine Worte uns vorhalten und zu uns sprechen lassen wie die Worte eines nahen Freundes. Zeitlich verstanden sagt es: Wir gehen ihm entgegen, auf ihn zu, und er kommt auf uns zu. Er steht nahe vor uns und vor der ganzen Welt. Wenn wir den letzten Schritt tun aus dem Leben in den Tod, dann ist es nicht ein Schritt in den Abgrund und in das Nichts, sondern der letzte Schritt auf ihn zu, er wird uns auffangen, und so wird es ein Schritt vom Leben ins Leben sein. Diesen Schritt hat sie jetzt getan. Diesem Schritt ging sie entgegen sehr nüchtern, sehr gefasst, und zugleich das Leben immer von der positiven Seite nehmend, dieses irdische Leben, solange es ihr gegeben war. Sie war nicht mit großen auffallenden Gaben ausgerüstet. Sie war ein schlichter Mensch. Es ist ihr innerlich geholfen worden, dass sie nicht in die Versuchung kam, mehr scheinen zu wollen, als sie war, und nicht unzufrieden wurde mit den ihr gegebenen Gaben. Sie hat vielmehr den Rahmen des Lebens und der Gaben, der ihr bestimmt war, voll ausgefüllt, und eben dies machte sie zu einem so erfreulichen Menschen für uns alle. Die eindrucksvollste Gabe, die ich bei ihr nennen möchte, war ihre humorvolle Einfalt, Einfalt im ganz positiven Sinn, den dieses Wort bei uns - neben einem negativen Sinne – ja haben kann. Schlicht und einfältig nahm sie Gott bei seinem Wort und ließ sich von Gott ebenso beim Worte nehmen, also beim eignen Christus- Bekenntnis, das sie mit ihrem Leben immer wahrmachen wollte.

 

Daraus ergab sich für sie folgendes:

  1. Wo sie stand, da war ihr klar: geflohen wird nicht. Mein Platz ist in der DDR und bleibt in der DDR. So tat sie in der hiesigen Kirche ihren Dienst als Katechetin, dann als Pfarrverwalterin. Erst als wir ihr in den letzten Jahren das Gewissen beruhigt hatten, eine Übersiedlung nach West-Berlin sei für sie als Ruheständlerin keine Flucht, suchte sie sich einen Platz in einem West-Berliner Altersheim, den sie nun nicht mehr einnehmen kann.

 

  1. Ihr Gehorsam gegen Gottes Führung war mit Freude verbunden, wie sie in dem Apostelwort gemeint ist. Das zeigte sich daran, dass ihr Bleiben an dem Ort, an den sie sich von Gott gewiesen sah, nicht in einer bedrückten oder gar in einer verbitterten Haltung geschah. Unter so vielen verbitterten Menschen um sie her, gerade auch den Menschen ihrer Herkunft, war sie ein unverbitterter Mensch, dem Verlorenen nicht nachtrauernd, ohne Ressentiment gegenüber der gesellschaftlichen Entwicklung, von opportunistischer Anpassung wie von reaktionärer Feindschaft gleich weit entfernt, und immer wieder bemüht, das Positive nicht zu übersehen, das man erkennen müsse. Deshalb waren ihre Besuche bei uns drüben so erfrischend, weil hier nicht ein klagender Mensch kam, der seinen Groll ausschütten wollte, sondern ein unverbitterter, glaubender und fröhlicher Mensch, der höchstens über sich selber klagte, über seinen vergeblichen Kampf gegen gewisse Eigenheiten, z.B. gegen ihren Mangel an Ordnungssinn.

 

  1. Weil sie das göttliche Wort mit seinen Verheißungen und Geboten wörtlich nahm, deshalb konnte sie auch Ja sagen zu dem, was nicht nur im gesellschaftlichen Bereich, sondern auch im individuellen Bereich uns schwer fällt und zu schaffen macht, z.B. auch zu den zunehmenden Alterserscheinungen. Sie lebte gern und sie war zugleich gefasst auf das Sterben. Sie war ein resolut irdischer Mensch und nahm zugleich ernst, dass der Tod uns der Eingang in das Leben ist. Die christliche Botschaft war ihr zuerst und zuletzt eine uns freudig stimmende und nicht eine uns trübsinnig stimmende Botschaft, eine Einladung, Vertrauen zu haben zu Gottes Führung, Hoffnung auf seine Vergebung und von da aus auch vergebend und barmherzig über die anderen Menschen zu denken und zu den anderen Menschen uns zu verhalten. Um die „Lindigkeit“, von der Paulus spricht, hat sie sich immer bemüht. Manchmal habe ich sie unwirsch über einen Menschen sprechen hören, aber nie verurteilend und nie mit Hass.

 

Sie soll uns in Erinnerung bleiben als ein Beispiel, was das Leben mit dem Evangelium bei uns bewirken kann, wie es bei einem Menschen das Beste, was Gott in ihn hineingelegt hat, entwickeln und zur Reife bringen kann. Das ist doch der Grund, weshalb wir mit Anna-Helene immer gern zusammen gewesen sind. Die Menge von Fragen, mit denen sie bei ihren Besuchen ankam, immer eine ganze Liste davon auf dem Papier, und wie sie die einzelnen dann durchsprach, immer unter dem Gesichtspunkt, was denn ein Christ hoffen dürfe und wie er sich zu verhalten habe, das werde ich nicht vergessen. Ein erfreulicher Mensch hat uns verlassen und wünscht jetzt von uns, dass wir ihm nicht nachweinen, sondern mit ihm danken für den Weg, den ihn Gott geführt hat, und für die Begleitung seines Wortes und Geistes, die ihm Gott gewährt hat. Wie sie es sich gewünscht hat, darf sie nun in ihrer Familiengruft bestattet werden, und die Freunde ihres Lebens sind dabei versammelt. Sie ist uns vorausgegangen auf den Herrn zu, der uns allen nahe ist.“ [18]

 

(Dr. Martin Möllhoff-Mylius)

 

[1] Genealogisches Handbuch des Deutschen Adels (GdHA), Band 136, Freiherrliche Häuser XXIII; Limburg/Lahn, S. 28, 30. Von Eleonore Anna Helene v. Seidlitz und Ludwigsdorf, verh. v. Bodenhausen hat sich ein zeitgenössisches Bildnis erhalten. Das Portrait stammt von Mathilde Block (geb. Niendorf a. d. Stecknitz 19.7.1850, verstorben Pinneberg 21.6.1932) und zeigt die Mutter von Anna-Helene v. Bodenhausen in einem hochgeschlossenen, weißen Tüllkleid mit goldener Brosche anlässlich ihrer Vermählung am 18.10.1899 mit Bodo Freiherr v. Bodenhausen-Radis. Aus dem Nachlass gelangte das Werk 2007 in den Kunsthandel. Siehe hierzu: Kreismuseum Herzogtum Lauenburg in Ratzeburg, Dr. Klaus J. Dorsch: Mathilde Block. Eine emanzipierte Kunstmalerin des 19. Jahrhunderts aus Niendorf a. d. Stecknitz, in: http://www.kmrz.de/kuenstler_im_kreis/block/block_text.htm - Zugriff: 15.4.2018. 

[2] Die ländlichen Wohnsitze, Schlösser und Residenzen der ritterschaftlichen Grundbesitzer in der preußischen Monarchie nebst den Königlichen Familien-, Haus-Fideicommiss- und Schatull-Gütern in naturgetreuen, künstlerisch ausgeführten, farbigen Darstellungen nebst begleitendem Text, Berlin 1857-1863, Verlag Duncker & Humblot, Berlin.

[3] Hans Rainer Sandvoß, Widerstand 1933-1945 in Spandau. Heft 3 der Schriftenreihe über den Widerstand in Berlin von 1933-1945, Hrsg. Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin 1988, S. 97-99: „Deutsche Christen greifen nach der Macht. Der Nationalsozialismus und seine militanten Anhänger im Bereich des Protestantismus, die sogenannten Deutschen Christen (DC), hatten schon vor Hitlers Ernennung zum Reichskanzler (Januar 1933) versucht, sich die Deutsche Evangelische Kirche für ihre politischen Ziele gefügig zu machen. Bereits 1932 traten die DC bei den Wahlen innerhalb der preußischen Landeskirche an und erhielten prompt ein Drittel der Sitze, darunter etliche in den Gemeindekirchenräten. Auch dieser schnelle Erfolg dürfte Hitler und seine Bewegung in der Einschätzung bestärkt haben, von diesem Teil der Gesellschaft sei keine Opposition zu erwarten und es werde den Deutschen Christen schon gelingen, durch Unterwanderung eine "nationalsozialistische Staatskirche" zu schaffen. Die in ihrer Mehrheit eher national-konservativ eingestellte Deutsche Evangelische Kirche schien durch ihre starken Sympathien für Monarchie und Militär dafür die besten Voraussetzungen zu bieten. Angezettelt von den Deutschen Christen, deren Gegner sich in der Liste "Evangelium und Kirche" sammelten, setzte innerhalb der Kirche ein Kleinkrieg und Machtkampf ein, der sich von den Kirchenleitungsorganen (etwa dem Konsistorium für Berlin und die Mark Brandenburg) bis auf die unteren Gemeindeebenen erstreckte. Um Predigtpläne, Raumvergabe, Gottesdienstordnungen, Kollektenabgaben und Disziplinarmaßnahmen wurde heftig gestritten. Das machtgierige und rüde Vorgehen der Deutschen Christen führte bald darauf zu einer regelrechten Spaltung der Evangelischen Kirche. Um den Dahlemer Pastor Martin Niemöller bildete sich im September 1933 eine oppositionelle Gruppe, der Pfarrernotbund. Die Mitglieder setzten sich mit der von den Nazis installierten "Reichskirchenregierung" auseinander und erhoben besonders gegen die Einführung eines "Arierparagraphen" für die kirchlichen Mitarbeiter massiv Protest. Der Arierparagraph war eine Diskriminierung der evangelischen Pfarrer jüdischer Herkunft und stand dem christlichen Grundsatz entgegen, daß vor Gott alle Menschen gleich sind. Aus dem Pfarrernotbund ging die sich als eigentliche Repräsentantin der Evangelischen Kirche betrachtende Bekennende Kirche (BK) hervor. Sie schuf sich auf Bekenntnis-Synoden (Kirchendelegiertenversammlungen) unter- Verkündigung des "kirchlichen Notrechts" eine vorläufige Leitung für Deutschland und einen eigenen Organisationsapparat, der bis auf die unterste Gemeindeebene reichte. Bezeichnenderweise spielte die mündige, selbständige Gemeinde, die unter aktiver Mitwirkung von Laien tätig war, in der Bekennenden Kirche eine zentrale Rolle, während die Deutschen Christen versuchten, die Kirche analog zum NS- Staat nach dem "Führerprinzip", also von oben nach unten, zu organisieren.

Ein Kampf zwischen Minderheiten. Die Mehrheit der Pfarrerschaft verhielt sich interessanterweise eher neutral und duldete damit die jeweils gegebenen Machtverhältnisse, so daß die Auseinandersetzungen weitgehend von zwei Minderheiten, den Deutschen Christen und der Bekennenden Kirche, ausgetragen wurden. Dabei wußten die Deutschen Christen nicht allein den Nationalsozialismus, sondern häufig auch den Staatsapparat samt der Politischen Polizei auf ihrer Seite. Hatten die Gegner der Deutschen Christen anfänglich noch mit der Parole "Kirche muß Kirche bleiben" versucht, die Politik fernzuhalten, so gerieten die engagiertesten ihrer Vertreter durch den Sog der Auseinandersetzungen immer mehr in den Bereich des Widerstands hinein. Kritiker der Bekennenden Kirche heben dagegen hervor, daß die oppositionellen evangelischen Kreise nicht über den begrenzten Rahmen innerkirchlicher Auseinandersetzungen hinausgingen, daß sie die Verfolgung anderer Bevölkerungsgruppen nicht anprangerten und den NS-Staat in seiner Gänze nicht in Frage stellten. Dazu führt Alt-Bischof Kurt Scharf ­– damals Präses der Brandenburger Bekennenden Kirche – in einem Fernsehinterview rückblickend aus:

"Der Widerstand der Bekennenden Kirche ... wurde politisch empfunden, weil wir uns gegen Unrechtsmaßnahmen des Staates und der im Staat herrschenden Ideologie wandten. Er hatte natürlich auch politische Konsequenzen: ln einem totalitären Staat ist ein Gottesdienst, wo kein politisches Wort fällt, politischer Widerstand, weil in diesem Freiraum der Totalitätsanspruch des Staates faktisch existenziell bestritten wird."

Ähnliches hob im November 1934 auch eine zeitgenössische Stimme hervor, der man gewiß keine Verherrlichung der Bekennenden Kirche unterstellen kann.

Die Kommunistische Partei Opposition schrieb damals in ihrem auch im Untergrund verbreiteten Organ "Gegen den Strom":

"Die Kirchenopposition ist die erste offene Massenbewegung gegen den Totalitätsanspruch der faschistischen Diktatur. Sie zeigt, welche Wirkungen eine organisierte Aktion auszulösen vermag, und muß die Arbeiter ermuntern, auch ihrerseits ihre Aktionen zu steigern."

Gewiß gab es innerhalb der BK unter den Pfarrern und Laien sehr unterschiedlich motivierte und engagierte Kräfte: "Gemäßigte" und "Radikale". Letztere, nach Pastor Niemöllers Wirkungsstätte die "Dahlemiten" genannt, lehnten jede Zusammenarbeit mit "Neutralen" und DC ab und wählten in ihren Erklärungen auch schärfere Formulierungen.

Gemeinsam war den Anhängern der Bekennenden Kirche die Verbreitung von Informationen über antikirchliche Gewaltmaßnahmen des Staates, Kanzelabkündigungen und das Einsammeln von Kollekten für die BK. (Damit wurden der Offizialkirche Gelder vorenthalten.) ln den Kriegsjahren war die Fürbitte für gefangene und gemaßregelte kirchliche Mitarbeiter im Gottesdienst hingegen weniger weit verbreitet. Der besondere Einsatz für die verfolgten jüdischen Mitbürger - etwa durch das Einsammeln von Lebensmittelkarten- war ebenfalls nicht typisch. Eine Ausnahme bildete - neben einem Helferkreis in der Dahlemer Gemeinde- die radikale Bekennende Kirche der Mark Brandenburg um Pfarrer Kurt Scharf (Sachsenhausen), Martin Albertz (Spandau) und vor allem Pfarrer Dr. Günther Harder (aus Fehrbellin in der Nähe von Spandau), die in ihren Geschäftsstellen und Pfarrhäusern Ausweise, Taufscheine und Ariernachweise fälschen ließen, um Verfolgten zu helfen. Pfarrer Harder, seine Freunde und Mitarbeiterinnen stehen dafür, daß es in der Bekennenden Kirche Menschen gab, die ausgesprochenen Mut und bemerkenswerte Zivilcourage aufbrachten.

Obwohl das NS-Regime die BK nie verboten hat, trieb der Nationalsozialismus diese Kirchenopposition zunehmend in die Illegalität: Hausarrest und Kurzhaft für Geistliche, Verbot öffentlicher Kundgebungen, Bespitzelung des Gottesdienstes, Zensur von Post und Telefon. Die Bekennende Kirche reagierte ihrerseits auf die wachsende offene und versteckte Unterdrückung, unter anderem durch die heimliche Einbringung von Kollekten und die "illegale" Ausbildung des Pfarrernachwuchses. ln der verbotenen "Kirchlichen Hochschule", deren Prüfungswesen in den Händen des Spandauer Superintendenten Albertz lag, wurde diese Ausbildung vorgenommen.

Erst die im Krieg von den Nationalsozialisten durchgeführten Massenmorde und das Euthanasieprogramm brachten auch prominente Kirchenpolitiker wie Otto Dibelius dazu, den Nationalsozialismus politisch zu durchschauen. Auch Anhänger der Bekennenden Kirche hatten anfangs dem Hitler-Regime gewisse Sympathien entgegengebracht, wie der Dahlemer Pastor Niemöller später selbstkritisch bekannte. Die Beseitigung der Weimarer Republik, der Aufbau eines autoritären Staates, die Aufrüstung und selbst gewisse antijüdische Gesetze stießen bei Teilen der kirchlichen Opposition durchaus auf Zustimmung (Seite 114 f.). Erst später wurde bemerkt, daß dieser totalitäre Staat keinen Bogen um die Kirche machte, sondern auch hier auf Unterwanderung, Gleichschaltung und Einverleibung zielte und sie aus der Gemeinschaft des Volkes ausgrenzte. Das Unrecht, das zunächst anderen drohte, traf einen über kurz oder lang selbst, wenn man mit dem Regime in Konflikt geriet.“

[4] Emil Gustav Martin Niemöller, geb. 14.1.1892 in Lippstadt, verst. 6.3.1984 in Wiesbaden, begr. in Wersen bei Osnabrück. Zum Leben und Werk siehe Carsten Nicolaisen, "Niemöller, Martin" in: Neue Deutsche Biographie 19 (1999), S. 239-241 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118587900.html#ndbcontent

[5] Zur Person von Dietrich Bonhoeffer siehe: „Dietrich-Bonhoeffer-Portal - gemeinsame Initiative der Internationalen Dietrich Bonhoeffer-Gesellschaft, Deutschsprachige Sektion, e.V. und dem Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh“; http://www.dietrich-bonhoeffer.net/biografie/ (Zugriff: 23.3.2018)

[6] Aus WIKIPEDIA – Zugriff: 29.3.2018: Helmut Gollwitzer (* 29. Dezember 1908 in Pappenheim im Altmühltal/Bayern; † 17. Oktober 1993 in Berlin) war evangelischer Theologe, Schriftsteller und Sozialist. Als prominenter Schüler Karl Barths engagierte er sich in der Bekennenden Kirche der NS-Zeit, später in der „Kampf-dem-Atomtod“-Bewegung der 1950er und der Studentenbewegung der 1960er Jahre. Als Professor an der Freien Universität Berlin war er ein enger Freund und Wegbegleiter von Rudi Dutschke. Gollwitzer stammte aus einem lutherischen und national-konservativen fränkischen Pfarrhaus. Er war als Schüler in der Jugendbewegung der 1920er Jahre aktiv und studierte dann von 1928 bis 1932 Philosophie in München und Evangelische Theologie, u. a. bei Paul Althaus in Erlangen und Friedrich Gogarten in Jena. Karl Barth in Bonn wurde sein wichtigster Lehrer, der seine eigene Haltung zeitlebens prägte. Von 1933 an war Gollwitzer scharfer Kritiker der „Deutschen Christen“ und seit 1934 Mitglied der „Bekennenden Kirche“ (BK). Er gehörte dort zum Flügel der so genannten „Dahlemiten“, die aufgrund der Barmer Theologischen Erklärung vom 31. Mai 1934 nicht nur die staatlichen Übergriffe auf die evangelische Kirche, sondern auch die Rassenpolitik des Nationalsozialismus als solche ablehnten. Er stand auch dem Antijudaismus innerhalb der BK zunehmend kritisch gegenüber. Nachdem Barth den Beamteneid auf Adolf Hitler verweigert hatte und Deutschland deshalb verlassen musste, folgte Gollwitzer ihm in die Schweiz und promovierte 1937 in Basel bei ihm mit einer Arbeit über die altlutherische Abendmahlslehre in ihrer Auseinandersetzung mit dem Calvinismus, dargestellt an der lutherischen Frühorthodoxie. Damit wurde er zu einem der Wegbereiter der Arnoldshainer Abendmahlsthesen von 1957 und der Abendmahlsgemeinschaft der reformatorischen Kirchen. In der NS-Zeit hatte seine historisch-theologische Studie große Aktualität, weil sie die theologischen Trennungen zwischen Lutheranern und Reformierten in der Zeit des Kirchenkampfes in Frage stellte und zeigte, dass die evangelische Kirche über konfessionelle Grenzen hinweg hätte mit einer Stimme reden und in einem Geiste handeln können und müssen. Nachdem Martin Niemöller, einer der Leiter der BK, im Juli 1937 inhaftiert worden war, übernahm Gollwitzer Prediger- und Pfarrdienste an dessen Pfarrstelle, der Sankt-Annen-Kirche in Berlin-Dahlem. Der Gemeinderat hielt Niemöllers Stelle jedoch frei, so dass Gollwitzer nicht dessen offizieller Nachfolger oder Vertreter wurde. Zudem half er bei der illegalen Ausbildung des theologischen Nachwuchses der BK. Seit den Novemberpogromen 1938 verhalf er vom NS-Regime verfolgten Juden zur Flucht bzw. Ausreise. Seine Kontakte zu Widerständlern in der Wehrmacht brachten ihm 1940 mehrere Verhaftungen und Redeverbot ein. Seit diesem Jahr war er verlobt mit Eva Bildt, der Tochter des bekannten Schauspielers Paul Bildt. Wegen deren jüdischer Mutter erhielt er jedoch von den Nationalsozialisten ein Heiratsverbot. Eva Bildt nahm sich am 27. April 1945 das Leben, nachdem ihr Zufluchtsort Zeesen durch die Rote Armee besetzt worden und sie dort Zeugin von Vergewaltigungen geworden war. Im Zweiten Weltkrieg war Gollwitzer als Sanitäter an der Ostfront eingesetzt. 1945 geriet er in sowjetische Kriegsgefangenschaft und kam in ein Arbeits- und Umerziehungslager. Erst dort erfuhr er vom Suizid seiner Verlobten. Nach seiner Rückkehr aus der Sowjetunion Ende 1949 schrieb er ein Buch über seine dortigen Erlebnisse, in dem er sich intensiv mit dem Marxismus-Leninismus sowjetischer Prägung auseinandersetzte: „…und führen wohin Du nicht willst“. Dieser authentische Bericht erschien 1951, wurde rasch ein Bestseller und in mehrere Sprachen übersetzt. Der damalige Bundespräsident Theodor Heuss beschrieb es als „großes geschichtliches Dokument“. 1950 wurde Gollwitzer als Nachfolger Karl Barths ordentlicher Professor für Systematische Theologie in Bonn, wo er bis 1957 lehrte. 1951 heiratete er die evangelische Theologin und Gemeindehelferin Brigitte Freudenberg (12. Oktober 1922 – 1. Oktober 1986), eine Tochter von Adolf Freudenberg. Das Paar hatte keine Kinder. In den 1950er Jahren engagierte er sich stark gegen die deutsche Wiederaufrüstung, vor allem gegen die Atombewaffnung der Bundeswehr im Rahmen der NATO. Mit seinem Vortrag Die Christen und die Atomwaffen vom Juni 1957 reagierte er auf den „Göttinger Appell“ der Physiker um Carl Friedrich von Weizsäcker und löste eine nachhaltige ethische Debatte in der EKD aus, die sich bis weit in die katholische Kirche und Ökumene hinein fortsetzte. Unter konsequenter Anwendung der kirchlichen und völkerrechtlichen Kriterien für einen gerechten Krieg kam er zur kompromisslosen Verwerfung aller Massenvernichtungsmittel. Die damalige Debatte drohte die evangelische Kirche zu spalten: In der Folge wurde Gollwitzer in eine Kommission berufen, die 1959 mit den „Heidelberger Thesen“ einen Kompromiss erarbeitete. Darin wurde die „Bereithaltung“ von Atomwaffen zur Abschreckung als „noch mögliche christliche Handlungsweise“ akzeptiert, sofern die Abschaffung aller Atomwaffen vorrangiges politisches Ziel bleibe.[4] Dies führte entgegen Gollwitzers Absicht nicht zur Überwindung, sondern zur Rechtfertigung des militärischen Abschreckungskonzepts der NATO. Seit 1957 lehrte Gollwitzer an der Freien Universität Berlin im neu gegründeten Institut für Evangelische Theologie. 1961 sollte er Karl Barths Lehrstuhl an der Basler Universität übernehmen, doch die Basler Behörden legten dagegen wegen seiner „unklaren“ Einstellung zum Kommunismus ein Veto ein. So blieb Gollwitzer bis zu seiner Emeritierung 1975 in Berlin, wo er zeitweise auch an der Kirchlichen Hochschule lehrte. Er nahm von Anfang an regen Anteil an den Anliegen der kritischen Studenten, die er als einer von ganz wenigen Hochschullehrern aktiv unterstützte. Er engagierte sich für die 68er-Studentenbewegung, war befreundet mit Rudi Dutschke und Seelsorger von Ulrike Meinhof, setzte sich auch als Mitglied der Internationale der Kriegsdienstgegner/innen (IDK) gegen Vietnamkrieg und Wettrüsten ein. Obwohl von studentischen Kreisen gern als Vertreter des Establishments apostrophiert, wurde er als engagierter Dialogpartner hoch geschätzt. Eine langjährige und enge Freundschaft bestand mit Gustav Heinemann. Ab März 1979 war er Juror des Dritten Russell-Tribunals in Frankfurt-Harheim, das Menschenrechtsverletzungen in der Bundesrepublik Deutschland anprangerte. 1980 wurde er ehrenamtlicher Bewährungshelfer für den aus der Haft entlassenen Horst Mahler. Er wurde neben seiner Frau auf dem evangelischen St.-Annen-Kirchhof in Berlin-Dahlem bestattet. Die Beerdigungsansprache hielt sein langjähriger Freund Friedrich-Wilhelm Marquardt.“

[9] Handschriftlicher Lebenslauf in der Personalakte von Bodenhausen Evang. Landesarchiv/Evang. Zentralarchiv VII a 330 2/62 - Akte 2049 – 01 v. Bodenhausen; Personalakten der Pfarrerinnen und Pfarrer Band 001 – 1.1.1961 – 31.12.1976 (1666418077); Bestand 151 1902/01.

[10] Anmerkung: B.K. = Bekennende Kirche.

[11] Im März 1935 schloß sich auch Pfr. Lipps der Bekennenden Gemeinde an. Vgl, hierzu; Wolfgang Jung, Erzählung als Verkündigung. Der Auftrag der geistlichen Dichtung in „dürftiger Zeit“; dargestellt an Leben und Werk Siegbert Stehmanns. Phil. Diss. Essen 2016, S. 37.

[12] Personalakte v. Bodenhausen, a.a.O.

[13] Zur Person von Walter Dreß siehe „Dietrich-Bonhoeffer-Portal - gemeinsame Initiative der Internationalen Dietrich Bonhoeffer-Gesellschaft, Deutschsprachige Sektion, e.V. und dem Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh“, http://www.dietrich-bonhoeffer.net/bonhoeffer-umfeld/walter-dress/ (Zugriff: 23.3.2018): „Er wird am 18.06.1904 in Berlin geboren. Er hat noch eine Schwester. Er studiert vom SS 1922 bis SS 1923 in Tübingen Theologie und setzt sein Studium vom WS 1923/24 in Berlin fort. Er promoviert 1927 mit einer Arbeit über Die Mystik des Marsilio Ficino, die er bei Karl Holl (gest. 1926) begonnen hat. Am 6.7.1929 habilitiert er sich an der Universität zu Berlin mit einer Arbeit über Die Theologie Gersons. 
Vom Oktober 1929 an ist er als Provinzialvikar beim Generalsuperintendenten D. Händler und zugleich als Privatdozent an der Universität tätig. Am 14.11.1929 heiratet er Dietrich Bonhoeffers jüngste Schwester Susanne. Sie haben zusammen zwei Söhne Michael (1935-1975) und Andreas (geb. 1938). Von 1931 - 1933 wirkt er als ordentlicher Professor an der Luther-Akademie in Dorpat und wird 1937 beurlaubt. Ab dem 1. April 1937 wird er Dozent für Kirchengeschichte an der Kirchlichen Hochschule Berlin. 1938 entziehen ihm die Nationalsozialisten die venia docendi, da er aktives Mitglied der Bekennenden Kirche ist. Nach der Verhaftung Martin Niemöllers am 2.3.1938 übernimmt er im Spätsommer 1938 die Pfarrstelle St. Annen in Berlin-Dahlem. In den Kriegsjahren betreut er weiterhin seine Gemeinde. Ab Sommer 1943 wohnt seine Frau Susanne Dreß mit den beiden Söhnen im Ferienhaus der Bonhoeffer-Familie in Friedrichsbrunn, um sie vor Bombenangriffen über Berlin zu schützen. Zwischendurch pendelt sie zwischen Thale und Berlin. Nach der Kapitulation im Mai 1945 kehrt die vollständige Familie wieder ins Pfarrhaus zurück. Er ist ab 1946 Professor für Kirchengeschichte an der Kirchlichen Hochschule Berlin mit Lehrauftrag an der Humboldt-Universität im Ostteil der Stadt. Diese Aufgabe kann er bis 1961 wahrnehmen; seit 1961 nicht mehr. Er ist nun Ord. Professor an der Kirchlichen Hochschule Berlin, 1965 / 66 Rektor der Hochschule. 
Er lehrt und arbeitet über Kirchen- und Dogmengeschichte. Seine Schwerpunkte sind Renaissance, Humanismus, Reformation, dazu mittelalterliche Scholastik und moderne Literatur- und Gesitesgeschichte. 
Walter Dreß stirbt am 06.02.1979 in Berlin. Vita aus:Kalliope. Verbundkatalog Nachlässe und Autographen.“

[14] Zur Bedeutung der „Bekennenden Kirche“ und zu den „Deutschen Christen“ vgl. für Dahlem u.a. „Orte und Geschichte unserer Gemeinde - Evangelische Kirchengemeinde Berlin-Dahlem, http://www.kg-dahlem.de/index.php?id=11 (Zugriff: 23.3.2018):

„Der Kirchenkampf

Unter dem Namen »Deutsche Christen« (DC) traten schon vor 1933 protestantische Pfarrer und Gemeindemitglieder (meist NSDAP-Mitglieder) an, um die evangelische Kirche für Adolf Hitler und seine Politik der nationalen Einigung (»ein Volk – ein Reich – ein Führer«) zu gewinnen. Gegen Liberalismus, Marxismus, Judentum, für die »Reinerhaltung der Rasse« machte sich die Liste DC bei den Kirchenwahlen im November 1932 stark.

1933, nach der Machtergreifung Hitlers, begann der eigentliche Kirchenkampf, in dem auch die DC nach der Macht griffen, und zwar in Gestalt des von Hitler eingesetzten Staatskommissars für die Evangelische Kirche August Jäger. Er löste die sämtlichen gewählten kirchlichen Organe auf und setzte einen nur mit DC bestückten Oberkirchenrat ein. Ganz kurzfristig wurden für den 23. Juli 1933 Kirchenwahlen angesetzt, welche die DC gewannen, nachdem Hitler in einer Rundfunkansprache massiv für sie Partei ergriffen hatte. Im selben Jahr wurde Ludwig Müller zum Reichsbischof gewählt.

Zu den wenigen Gemeinden, in denen die DC unterlagen, gehörte Dahlem. Es siegte die Liste »Evangelium und Kirche«, die von den drei Dahlemer Pfarrern Gerhard, Röhricht und Niemöller aktiv unterstützt worden war. Obwohl Niemöller das Nationale und Soziale der neuen Bewegung durchaus begrüßte, sah er eine gewaltige Kluft zwischen Christentum und Nationalsozialismus. Für ihn war die alles entscheidende Frage, ob Jesus Christus oder Adolf Hitler der Führer der Kirche sei.

Am »Arierparagraphen« entzündete sich die erste große Kontroverse zwischen DC und ihren Gegnern. Auf der sogenannten »Braunen Synode« – alle DC waren in SA-Uniformen angetreten – am 5. September 1933 in Berlin wurde eine von Niemöller und Pfarrer Karl Lücking entworfene Protestnote verlesen, die gegen die Forderung der DC, alle jüdischstämmigen Beschäftigten der evangelischen Kirche sofort zu entlassen, Stellung bezog. Als die Erklärung in der Synode zu Tumulten führte, verließen Niemöller und Lücking mit ihren Leuten die Synode.

Der Pfarrernotbund

Schon am 11. September 1933 trafen sich in Berlin Vertreter von Konventen, die sich gegen die Politik der DC gebildet hatten, um den »Pfarrernotbund« zu gründen. Niemöller übernahm den Vorsitz des von einem Bruderrat geleiteten Bundes. In einem Rundbrief des gleichen Monats forderte Niemöller seine Amtsbrüder zum Beitritt auf. Der Erfolg war, dass sofort 1.500 Pfarrer und bis zum Jahresende mehr als 7.000 Pfarrer Mitglieder wurden. Bis 1945 unterstützte der Notbund Pfarrer und ihre Familien finanziell, juristisch und seelsorgerlich. Trotz vieler Schikanen seitens der Nationalsozialisten wurde der Bund überraschenderweise nicht verboten, und Niemöller blieb sein Vorsitzender.

Ein Rundschreiben, in dem die Pfarrer des Notbundes aufgefordert wurden, einen Fragebogen der Kirchenbehörde zur arischen Abstammung nicht zu beantworten, kostete Niemöller und zwei Amtsbrüder ihre Stellung als Pfarrer. Wenige Tage später beschlossen auf einer Versammlung etwa 600 Dahlemer Gemeindemitglieder ein Protesttelegramm an das Konsistorium. Zur gleichen Zeit verschickten Mitglieder des Gemeindekirchenrats ein Flugblatt mit der Aufforderung, eine Eingabe an die Kirchenbehörde zu unterschreiben und eine Änderung der Pfarrstellenbesetzung zu verhindern. Der Widerstand hatte Erfolg, Niemöller blieb im Amt.

Als Hitler am 25. Januar 1934 die Kirchenführer zur Audienz empfing, um die stetig steigenden Spannungen zwischen Reichsbischof Müller und vielen Pfarrern, die seine Amtsführung heftig kritisierten, abzubauen, kam es zu einem Eklat zwischen Hitler und Niemöller, der Hitler seine Meinung ins Gesicht sagte. Damit hatte sich Niemöller den andauernden Hass Hitlers zugezogen.

Die Bekenntnissynoden von 1934

1934 kam es zum Zusammenschluss einer Bekenntnisgemeinschaft der Deutschen Evangelischen Kirche und im Mai einer ersten Bekenntnissynode in Barmen, an der 128 Vertreter oppositioneller Gemeinden und Kirchen teilnahmen. Hier wurden Praxis und Lehre der DC als Irrlehre verurteilt und zum Ungehorsam gegen den Reichsbischof und seine Kirchenregierung aufgerufen. Eine Verschärfung der kirchlichen und politischen Lage führte im Oktober zu einer zweiten Bekenntnissynode in Dahlem. Hier wurden die endgültige Trennung von den DC und der Aufbau einer eigenen Organisation für das ganze Reichsgebiet beschlossen: die Bekennende Kirche (BK).

In Dahlem führte die Bekennende Gemeinde ein lebhaftes kirchliches Leben mit Katechismusstunden und Berichten zum Kirchenkampf. Zu allen Veranstaltungen hatten nur Mitglieder der Bekenntnisgemeinde, ausgestattet mit der »Roten Karte« als Ausweis, Zutritt. Es gab Fürbittgottesdienste für verhaftete Pfarrer und Laien und ab November 1937 tägliche Morgenwachen in der St.-Annen-Kirche.

Die Verhaftung Niemöllers

Am 1. Juli 1937 wurde Martin Niemöller verhaftet und acht Monate im Untersuchungsgefängnis Moabit festgehalten. Nach seinem Prozess, in dem er nur zu einer geringen Strafe verurteilt wurde, wurde er gleich wieder festgenommen und als »persönlicher Gefangener des Führers« ins Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht, von 1941 bis 1945 in das Konzentrationslager Dachau. Eine Welle der Sympathie für Niemöller setzte ein, und seine Dahlemer Gemeinde versammelte sich vom 4. Juli 1937 an jeden Abend zu einem Fürbittgottesdienst in der St.-Annen-Kirche für alle Gefangenen, derer namentlich gedacht wurde. Es gab Unterschriftensammlungen an Reichsminister der Justiz Gürtner und andere Bemühungen um die Freilassung Niemöllers. Ab 1942 wurde die Verlesung der Namen verboten.

Auseinandersetzungen innerhalb der Gemeinde

In Dahlem kam es zu heftigen Auseinandersetzungen um die Nachfolge Niemöllers, die damit endete, dass sich die Bekennende Gemeinde gegen den Gemeindekirchenrat für Helmut Gollwitzer als Gemeindepfarrer entschied, und somit dieser zusammen mit Pfarrer Fritz Müller der bruderrätlichen Leitung der BK die Treue hielt (»Dahlemiten«) – im Gegensatz zu den Pfarrern Röhricht und Dreß, die sich zur Zusammenarbeit mit dem Konsistorium entschlossen.

Am Bußtag, dem 16. November 1938, war Gollwitzer einer der wenigen Prediger, die auf das Unrecht der Pogromnacht am 9. November hinwiesen und die Mitschuld der Christen beklagten. Bereits zuvor hatte Pfarrer Fritz Müller als Vorsitzender der »Vorläufigen Kirchenleitung der Deutschen Evangelischen Kirche« (BK) einen Bittgottesdienst anlässlich der Sudetenkrise und des drohenden Krieges angeordnet und als einer der wenigen am 30. September 1938 auch selber gehalten. Er wurde daraufhin zusammen mit anderen Mitgliedern der BK-Leitung als Landesverräter beschimpft und seines Amtes enthoben. Gollwitzer konnte bis September 1940 in Dahlem predigen und Konfirmanden unterrichten, dann erhielt er von der Gestapo Aufenthaltsverbot für Berlin und Redeverbot für das gesamt Reichsgebiet. Im Dezember 1940 wurde er zum Militärdienst eingezogen. Ein „Helferkreis“ versuchte zusammen mit von auswärts geholten Pfarrern das kirchliche Leben der Bekennenden Gemeinde in Dahlem aufrecht zu erhalten.

Beistand für Juden

Wie überall tat man sich auch in Dahlem schwer mit dem Ungehorsam gegenüber der Staatsmacht, denn den Römerbrief mit seinem »Seid untertan der Obrigkeit. Denn alle Obrigkeit ist von Gott« hatten alle Christen im Ohr. Umso bemerkenswerter ist es, dass sich aus einem theologischen Arbeitskreis heraus eine Gruppe von Gemeindemitgliedern 1942 mutig dazu entschloss, von den Nationalsozialisten verfolgten Juden bzw. jüdischstämmigen Menschen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln vor der Deportation in die Vernichtungslager zu retten. Diese Gruppe, geleitet von dem Juristen Franz Kaufmann, hatte in Helene Jacobs, Hildegard Jacoby und Gertrud Staewen mutige Mitarbeiterinnen.

Literatur: 
Graff, Gerti; v. Klewitz, Herta; Richers, Hille; Schäberle, Gerhard (Hrsg.):
Unterwegs zur mündigen Gemeinde. Die Evangelische Kirche im Nationalsozialismus am Beispiel der Gemeinde Dahlem. Bilder und Texte einer Ausstellung im Friedenszentrum Martin-Niemölller-Haus Berlin-Dahlem. Stuttgart 1982.
Schäberle-Koenigs, Gerhard: Und sie waren täglich einmütig beieinander. Der Weg der Bekennenden Gemeinde Berlin/Dahlem 1937–1943 mit Helmut Gollwitzer. Gütersloh 1998.“

[15] Personalakte – Zeugnis des Kreiskatecheten Dr. Müller – Kreiskatechetisches Amt des Kirchenkreises Bitterfeld v. 37.7.57.

[16] ELAB Bestand 35 Sign. 24 Laufzeit 1960-1971 - Vergabe von Pfarrstellen (allgemeine Anträge zum Wechsel der Landeskirche), Landeskirchliches Archiv Berlin-Brandenburg Provenienz Konsistorium Ost der EKiBB. Schreiben der Anna v. Bodenhausen von 9.1.1960 an das Konsistorium.

[17] ELAB Provenienz Evangelisches Konsistorium Berlin-Brandenburg (Ost) Bestand 35 Akte 13845, Signatur: 35/ 13845 Verfügung - Evangelisches Konsistorium Berlin Brandenburg Berlin C 2 vom 20.10.1962: „ Hiermit beauftragen wir Sie mit Wirkung vom 1. November 1962 ab bis auf weiteres mit der Verwaltung der Pfarrstelle Langen, Kirchenkreis Ruppin. Von dem Herrn Superintendenten des Kirchenkreises wollen Sie sich nähere Weisungen erbitten. Über Ihre Besoldung ergeht eine besondere Verfügung. Für Ihr Amt wünschen wir Gottes Segen und Beistand.“

[18] Helmut Gollwitzer, Nachrufe, Verlag Chr. Kaiser, München 1977, S. 61-65.